Hochzeits-Tetris: So meistert ihr die Sitzordnung ohne Familienkrach
Das große Puzzle
Wenn die Location gebucht ist und die Gästeliste steht, atmen viele Brautpaare erst mal auf. Doch dann kommt der Moment, vor dem sich viele fürchten: Die Location schickt den Grundriss und fragt: „Wer sitzt eigentlich wo?“
Willkommen beim Hochzeits-Tetris. Die Sitzordnung ist eines der kniffligsten Puzzles der Planung. Es geht nicht nur darum, 80 Personen auf 80 Stühle zu verteilen. Es geht um Psychologie, Logistik und darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Tante Erna genauso wohlfühlt wie der Kumpel vom Fußballverein.
Als DJ sehe ich jedes Wochenende, wie gut (oder schlecht) eine Sitzordnung funktionieren kann. Damit ihr nicht in die typischen Fallen tappt, habe ich euch hier meine Strategie-Tipps zusammengestellt.

1. Hardware & Logistik: Wenn Tische weichen müssen
Bevor wir über Personen reden, reden wir über den Raum. Die Location gibt vor, ob es runde Tische (kommunikativ, brauchen viel Platz) oder lange Tafeln (man redet nur mit den Nachbarn) gibt.
Die „Service-Autobahn“: Denkt bitte an die Laufwege! Wenn ihr Tische zu eng stellt, kommt der Service mit den heißen Suppentellern nicht durch. Oder schlimmer: Der Koch kommt nicht ans Buffet, um nachzufüllen, weil ein Stuhl im Weg steht.
Der Umbau-Trick (Platz für die Tanzfläche): In kleineren Locations (gerade hier im gemütlichen Friesland) ist oft nicht genug Platz für Essen und Tanzen gleichzeitig. Die Lösung: Nach dem Dessert werden 2 bis 3 Tische abgebaut, um die Tanzfläche zu vergrößern. Das funktioniert super! Aber Achtung: Wen setzt ihr an diese Tische?
- Falsch: Die Großeltern. Wenn ihr ihren Tisch wegnehmt, fühlen sie sich „rausgeworfen“ und haben keinen Platz mehr für Handtasche und Jacke.
- Richtig: Die junge Party-Crowd. Die Freunde, die nach dem Essen eh direkt an der Bar oder auf der Tanzfläche stehen. Denen macht es nichts aus, wenn ihr „Basecamp“ aufgelöst wird.
2. Der „Brauttisch-Fail“ (Eine wahre Geschichte)
Ein Fehler, den ich leider einmal miterleben musste, möchte ich euch ersparen. Eine Location hatte es gut gemeint und den Brauttisch als lange Tafel direkt vor meine Bühne gestellt – also auf die spätere Tanzfläche. Die Idee: „So sieht jeder das Brautpaar.“
Die Realität:
- Das Brautpaar saß dort wie auf dem Präsentierteller, völlig isoliert vom Rest.
- Nach dem Essen stand dort ein verwaister, leerer Tisch mitten im Weg.
- Auf jedem Partyfoto sah man im Vordergrund Tischbeine und weiße Tischdecken.
Mein Tipp: Integriert euch! Setzt euch inmitten eurer Liebsten, aber blockiert nicht die Tanzfläche oder den Weg zum DJ. Ihr wollt feiern, nicht thronen.
3. Der Königsplatz: Wer sitzt eigentlich am Brauttisch? (Und wo sitzt die Braut?)
Eine Frage, die mir Brautpaare oft fast flüsternd stellen, weil sie die Etikette nicht kennen: „Harald, wie rum sitzen wir eigentlich? Und wer muss mit an unseren Tisch?“
Hier ist der kleine „Knigge-Spickzettel“ für euch:
Links oder Rechts? (Die Degen-Regel)
Traditionell sitzt die Braut rechts vom Bräutigam. Warum? Die Regel stammt aus alten Zeiten, als der Herr seine rechte Hand frei haben musste, um notfalls den Degen zu ziehen und seine Dame zu verteidigen. Auch wenn heute (hoffentlich) niemand auf eurer Hochzeit ein Duell fordert, hat sich diese Sitzordnung bis heute gehalten.
Wer darf mit an den Tisch?
Nach der klassischen Tradition sitzen die Eltern mit am Brauttisch – und zwar „über Kreuz“:
- Neben der Braut sitzt der Vater des Bräutigams, daneben die Mutter des Bräutigams.
- Neben dem Bräutigam sitzt die Mutter der Braut, daneben der Vater der Braut.
- Außen schließen sich dann oft die Trauzeugen und Großeltern an.
Aber: Tradition ist kein Gesetz!
Viele Paare brechen diese Regel heute bewusst.
- Die „Sweetheart“-Variante: Ihr sitzt nur zu zweit an einem kleinen Tisch. Vorteil: Ihr habt kurze Momente der Ruhe für euch. Nachteil: Ihr seid etwas isolierter.
- Der „Party-Tisch“: Statt der Eltern sitzen die Trauzeugen und besten Freunde bei euch. Das ist oft lockerer und die Eltern haben an den anderen Tischen Zeit für ihre eigenen Freunde und Verwandten (was sie oft sogar lieber mögen!).
Entscheidet hier danach, womit ihr euch am wohlsten fühlt. Es ist euer Tag, nicht der Tag des Knigge.
4. Akustik & Wohlbefinden: Wer sitzt wo?
Hier kommt ein DJ-Hinweis, der mir sehr am Herzen liegt, weil er oft vergessen wird: Der Abstand zu den Lautsprechern.
Die ältere Generation (Hörgeräte-Falle):
Oft werden Oma und Opa ganz nach vorne gesetzt, „damit sie alles gut sehen können“. Das ist lieb gemeint, aber akustisch oft eine Katastrophe. Viele ältere Gäste tragen Hörgeräte. Wenn sie direkt vor der Box sitzen, ist das für sie kein Genuss, sondern Lärmschmerz. Sie wollen sich unterhalten.
👉 Platzierung: Setzt die älteren Herrschaften so weit wie möglich weg von den Lautsprechern. Gucken können sie auch von dort.
Die junge Generation (Party-Alarm):
Andersherum gilt: Wenn ihr den Tisch mit den jungen Arbeitskollegen in die hinterste Ecke verbannt, kommen die garantiert nach 30 Minuten zu mir: „Harald, wir hören da hinten gar nix, mach mal ordentlich lauter!“
👉 Platzierung: Die Party-Wütigen gehören in die Nähe der Tanzfläche und der Boxen.
5. Software & Psychologie: Das soziale Minenfeld
Jetzt geht es ans Eingemachte: Wer verträgt sich mit wem?
Das „Minenfeld“ Scheidung:
Wenn Eltern geschieden sind und sich vielleicht nicht grün sind, ist Diplomatie gefragt. Zwingt sie nicht an einen Tisch („für den einen Tag“). Setzt sie an verschiedene Tische, aber beide mit guter Sicht zu euch. Das entspannt die Lage für alle.
Mischen vs. Gruppen:
Soll man die Familien mischen? Ja, aber sachte. Ein Tisch, an dem sich niemand kennt, ist oft schweigsam. Besser: Mischt die Gruppen, aber sorgt dafür, dass jeder 1-2 bekannte Gesichter („Anker-Personen“) am Tisch hat.
Kinder & Kleinkinder:
Denkt an den Platzbedarf für Hochstühle! Und überlegt, ob ein „Kindertisch“ Sinn macht (meist ab ca. 6 Jahren toll). Legt dort Malzeug hin, und ihr habt für 2 Stunden Ruhe.
6. Der Grad der Ordnung: Wie detailliert wollt ihr regeln?
Jetzt habt ihr die Gruppen im Kopf und wisst, wer sich verträgt. Aber wie genau bringt ihr das nun zu Papier? Das ist eine Frage eures persönlichen Stils – und wie viel Nerven ihr in die Vorbereitung stecken möchtet.
Ich unterscheide hier drei Stufen, sortiert nach dem Aufwand für euch als Planer:
Stufe 1: Freie Platzwahl (Der geringste Aufwand)
Ihr stellt Tische auf und sagt: „Sucht euch einfach einen Platz.“
- Vorteil: Ihr habt im Vorfeld null Arbeit mit Sitzplänen.
- Nachteil: Diese Variante birgt das größte Chaos-Potenzial. Es entsteht oft der „Reise nach Jerusalem“-Effekt: Jeder stürmt rein, um die besten Plätze zu sichern. Das Risiko ist hoch, dass Paare auseinandergerissen werden, weil an den Tischen nur noch Einzelplätze frei sind (die berühmten „Lückenfüller“).
Stufe 2: Die Tischzuweisung (Der Mittelweg)
Hierbei legt ihr fest, wer an welchem Tisch sitzt, aber nicht auf welchem Stuhl. Ihr sagt also: „Ihr seid an Tisch 5, den genauen Platz sucht ihr euch dort selbst aus.“
- Vorteil: Ihr stellt sicher, dass Gruppen (z.B. Arbeitskollegen) zusammenbleiben. Gleichzeitig seid ihr flexibel: Wenn Tante Erna kurzfristig absagt, ist am Tisch einfach ein Platz mehr frei – ihr müsst keine Namenskärtchen umschichten.
- Nachteil: Innerhalb des Tisches habt ihr keinen Einfluss darauf, wer neben wem sitzt.
Stufe 3: Feste Sitzplätze (Die „Königsklasse“)
Das ist die detaillierteste Form. Jeder Gast hat ein Namensschild an seinem spezifischen Platz.
- Vorteil: Ihr habt die maximale Kontrolle. Ihr könnt gezielt steuern, dass der gesprächige Onkel neben der schüchternen Cousine sitzt, um das Eis zu brechen. Zudem fühlt sich jeder Gast durch das Namensschild sehr persönlich willkommen („Hier ist mein Platz!“).
- Nachteil: Der Planungsaufwand ist enorm. Ihr müsst jedes Detail bedenken. Und: Bei kurzfristigen Absagen (Krankheit am Morgen der Hochzeit) entstehen sichtbare Lücken, die ihr eventuell spontan durch Umstellen der Kärtchen kaschieren müsst.
Mein Tipp zur Entscheidung: Überlegt euch, wie wichtig euch die Kontrolle über die Gesprächsdynamik ist. Wollt ihr Regisseur spielen und Leute verkuppeln? Dann nehmt Stufe 3. Wollt ihr es für euch stressfreier halten? Dann ist Stufe 2 oft eine sehr gute Wahl.

7. Ein Wort in eigener Sache: Wohin mit den Dienstleistern?
Eine Bitte von mir und meinen Kollegen (Fotografen, Videografen): Plant uns bitte nicht an den Gästetischen ein.
Das hat zwei Gründe:
- Für die Gäste: Es ist oft komisch für Gäste, wenn sich ein „Fremder“ dazu setzt. Sie fühlen sich beobachtet.
- Für uns: Wir sind im „Kantinen-Modus“. Wir wollen in 15 Minuten schnell etwas essen, kurz durchatmen und dann wieder für euch da sein. Wir wollen keinen Smalltalk halten müssen.
Am besten ist ein kleiner „Crew-Tisch“ in einer Ecke oder im Nebenraum. Da kann ich mit dem Fotografen den Ablauf checken, während meine Playlist läuft.
Fazit & Ausblick
Eine gute Sitzordnung ist unsichtbar. Man merkt sie nur, wenn sie nicht funktioniert. Wenn ihr diese Tipps beachtet, schafft ihr die Basis für eine entspannte Feier.
Aber wie finden die Gäste jetzt ihren Platz? Muss es immer der langweilige Aushang sein? Im nächsten Blog-Artikel verrate ich euch kreative Ideen für Sitzpläne – von Schnapsfläschchen bis zu „fantasTISCHEN“ Namen.
Viel Erfolg beim Puzzeln!
Euer Harald