Wenn auf einer Hochzeit auf einmal zwei DJs sind
Es gibt Hochzeiten, auf denen läuft alles nach Plan. Und dann gibt es Hochzeiten, auf denen passiert etwas, das man nicht planen kann – weil die Gäste anfangen, die Feier selbst in die Hand zu nehmen.
Das ATLANTIC Hotel Wilhelmshaven, rund 70 Gäste, ein Samstagabend im Juni. Eigentlich bis 2:00 Uhr geplant. Wir haben bis 3:00 Uhr gespielt. Nicht weil wir es so vereinbart hatten, sondern weil niemand nach Hause wollte.
Dass dieser Abend so lief, hatte einen Grund – und der hatte einen Namen: Jost.
Zwei DJs, eine Hochzeit
Jost Hinrichs, bekannt als DJ JostHi, ist seit über fünf Jahren im Geschäft und hat mehr als 75 Events gespielt. Er weiß also, wie eine Feier funktioniert. An diesem Abend stand er allerdings nicht hinter einem Pult. Er war Trauzeuge.
Wir kannten uns bereits vom Polterabend des Brautpaares – dort hatte ich ihn das erste Mal getroffen. Wer zwei DJs auf einem Polterabend zusammenbringt, darf sich über eine gute Stimmung nicht beschweren. Auch für die Hochzeit haben wir uns vorher abgestimmt: Wer macht was, wann, wie. Kein Gegeneinander, kein Ego-Problem – einfach zwei Leute, die dasselbe wollen. So eine Abstimmung im Vorfeld ist kein Zufall – sie ist Teil meiner Arbeitsweise bei jeder Hochzeit.
Und Jost hatte eine Idee mitgebracht.
Die Kapitänsbinden

Nachdem das Brautpaar seine Gäste begrüßt hatte, bekam Jost das Mikrofon. Nicht für eine Rede – sondern für eine Ansage.
Auf jedem Tisch lag eine Kapitänsbinde.
Die Aufgabe war einfach: Jeder Tisch wählt eine Person, die ab sofort dafür verantwortlich ist, dass an diesem Tisch Stimmung herrscht. Tischkapitän oder Tischkapitänin – egal. Hauptsache, jemand übernimmt Verantwortung.
Und weil Verantwortung allein manchmal nicht reicht, gab es einen Wettbewerb. Der Tisch mit der besten Stimmung gewinnt am Ende einen Pokal.
Ich habe in diesem Moment zugeschaut, wie 70 Menschen innerhalb von Minuten anfingen, sich zu organisieren. Manche Tische haben diskutiert. Andere haben sofort jemanden vorgeschickt. An einem Tisch wurden zwei Jugendliche nach vorne gebeten – die hatten offensichtlich keine Wahl und keine Einwände.
Was dann passierte
Die erste Bewährungsprobe kam beim Buffet.
Tische werden nacheinander aufgerufen. Normalerweise stehen die Leute auf, gehen essen, fertig. An diesem Abend nicht.
Mehrere Tische haben ihren Gang zum Buffet als Auftritt verstanden. Klatschen, Rufen, kollektiver Aufbruch mit Getöse – der ganze Saal hat mitgemacht. Was sonst eine logistische Unterbrechung ist, wurde zur ersten gemeinsamen Aktion des Abends.
Der Wettbewerb hatte begonnen.
Der Jugendliche am DJ-Pult
Irgendwann nach dem Essen kam ein junger Kerl ans DJ-Pult. Teenager, Kapitänsbinde am Arm, Plan im Kopf.
Er wollte eine Polonaise starten. Aber nicht irgendeine – mit „Hurra, die Schule brennt“ als Soundtrack, angefangen an seinem Tisch, und dann Tisch für Tisch den Saal aufsammeln.
Ich habe ja gesagt. Er hat es umgesetzt.
Das ist der Moment, der mir von diesem Abend am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Nicht weil die Polonaise besonders spektakulär war – sondern weil ein Teenager eigenständig eine Idee entwickelt, sie mit mir abgestimmt und dann seinen Tisch mobilisiert hat. Ohne Ansage von oben. Ohne dass das Brautpaar das vorher geplant hätte.
Aber er war noch nicht fertig.
Etwas später stand er wieder am Pult. Diesmal mit einer anderen Idee – und die war noch stiller, noch schöner als alles, was vorher passiert war.
Er wollte Nena. „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann.“ Und dazu bat er mich, kurz das Licht runterzufahren. Seine Idee: alle Gäste stellen sich mit ihren Handys rund um die Tanzfläche, schalten die Taschenlampe ein und halten das Licht hoch.
Ich habe ja gesagt.
Was dann passierte, sah aus wie ein Konzert. Nicht wie eine Hochzeit in einem Hotelsaal – wie ein echtes Konzert. Hunderte kleine Lichter rund um die Tanzfläche, Nena aus den Boxen, und 70 Menschen, die gemeinsam mitsingen. Kein DJ-Effekt, kein Bühnentrick. Nur Handys, ein Lied und eine Idee von einem Teenager mit Kapitänsbinde.
Ich stehe in solchen Momenten hinter dem Pult und denke: Das hätte ich so nicht geplant. Und genau deshalb war es gut.
Vielfalt statt Einheitsbrei
Im Laufe des Abends kamen die Aktionen aus allen Richtungen.
Ein Tisch zog mit einer Fotobox durch den Saal und dokumentierte jeden, der mitmachte. Ein anderer organisierte eine Runde Schnäpse – Tablett, Gläser, Eigeninitiative. Keine zwei Tische haben dieselbe Idee gehabt.
Und genau das ist der Wert dieser Idee.
Wenn ich als DJ die Stimmung mache, dann kommt sie von einer Stelle: vom Pult. Das Brautpaar und ich haben das vorbereitet, strukturiert, geplant. Das funktioniert gut – aber es hat eine Grenze. 70 Menschen haben zusammen mehr Ideen als ich alleine. Sie kennen ihre Tischnachbarn besser als ich. Sie wissen, was bei ihrer Gruppe zieht.
Die Kapitänsbinde gibt dieser Energie eine Richtung.
Gäste werden nicht mehr berieselt — sie werden beteiligt. Und das ist ein grundlegender Unterschied. Wer noch eine weitere Idee sucht, wie Gäste aktiv in die Feier eingebunden werden können, findet sie beim Schuhspiel – einem Klassiker, der aus Zuschauern Mitspieler macht.
Was ich daraus mitgenommen habe
Nach der Hochzeit habe ich mir 20 Kapitänsbinden bestellt.
Die Idee kommt von Jost. Das sage ich so klar, weil ich es wichtig finde: Gute Ideen haben eine Quelle, und diese Quelle verdient eine Erwähnung. Wer mehr von seiner Arbeit sehen will, findet ihn unter dj-josthi.com.
Was ich gelernt habe: Stimmung ist keine Einbahnstraße. Als DJ kann ich die Rahmenbedingungen schaffen – die richtigen Songs, den richtigen Moment, das richtige Tempo. Aber die Energie kommt von den Menschen im Raum. Wer ihnen eine kleine Aufgabe gibt und ein bisschen Wettbewerb dazu, bekommt meistens mehr zurück, als er erwartet hat. Wie dieser Moment entsteht, an dem eine Tanzfläche sich von selbst öffnet, beschreibe ich an anderer Stelle genauer.
Wir haben an diesem Abend bis 3:00 Uhr gespielt. Niemand hat gefragt, ob man noch eine Stunde dranhängen kann – das Brautpaar hat es einfach gemacht. Weil die Stimmung es hergegeben hat.
Manchmal braucht eine gute Party eben zwei DJs. Einer steht am Pult. Der andere trägt eine Kapitänsbinde.